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Spritzen, Selters, Sauerstoff: Tour de France 2009

Nun geht sie zu Ende, die Tour de France 2009, und der Spanier Alberto Contador ist der (176 cm) große Triumphator, welcher die zurückliegenden drei Wochen der diesjährigen Grande Boucle auf eine Art und Weise dominierte, wie man sie zuletzt nur in den Jahren 1999 bis 2005 bei Lance Armstrong bestaunen konnte, dem unbezwingbaren texanischen Tourminator, der damals Jahr für Jahr, Tour für Tour die Berge hinaufflog wie kein Zweiter (und en passant auch die Einzelzeitfahrten gewann).
Zweite und Dritte wurden in jenen Zeiten immer andere, Jan Ullrich etwa war meist darunter, diesmal aber, nach vierjähriger Tourabstinenz, rollt Armstrong selbst lediglich als Dritter mit knapp fünfeinhalb Minuten Rückstand auf den Sieger über die Avenue des Champs-Élysées in Paris - und reflektiert argwöhnisch darüber, dass Alberto Contador während der siegentscheidenden Alpenetappe fast 1900 Höhenmeter in einer Stunde hochgeradelt war:
"Zu meinen besten Zeiten habe ich über 1700 geschafft. Aber Alberto schafft über 1800."
Honi soit qui mal y pense, und überhaupt war es vergleichsweise still um das Thema Doping vor und während der diesjährigen Frankreichrundfahrt, kaum Dopingsperren, wenig Razzien, keine Tourrausschmisse, keine Titelaberkennungen wie in den letzten Jahren, stattdessen: Geschwindigkeits- und Ausdauerrekorde - und nie gekannte körperliche Fähigkeiten:
Um mit Contador-Geschwindigkeit einen Alpenpass hinaufzuradeln, braucht das menschliche Blut eine Sauerstoffaufnahmefähigkeit von 99,5 ml/mn/kg.
"Meines Wissens ist das ein Wert, der zuvor niemals von irgendeinem Athleten in irgendeiner Sportart erreicht wurde", erklärt dazu Tourbeobachter Greg LeMond, US-amerikanischer Ex-Radprofi und dreifacher Tour-de-France-Sieger (in den Jahren 1986, 1989 und 1990).
Wie kommt man zu so einem Wert?
Der fünffache (1957 und 1961-1964) Toursieger Jacques Anquetil (der als aktiver Fahrer jede Dopingprobe verweigerte) hat nach dem Ende seiner Laufbahn darauf verwiesen, dass man sich bloß nicht vorstellen solle, Leistungen wie die bei der Tour seien nur mit Mineralwasser zu erreichen.
Seit während der Tour de France 1967 Tom Simpson, vollgepumpt mit Amphetaminen, am Mont Ventoux tot vom Rad fiel, ist allerdings das Doping so perfektioniert worden, dass es offenbar auch nicht letaler wirkt als Selters (wenn man mal von Marco Pantani, dem Toursieger von 1998, absieht, dessen Dopingkarriere nahtlos in eine Junkie-Existenz überging, die 2004 tödlich in einem schäbigen Hotelzimmer endete).
So erfreuen sich offenbar die trotz der damals äußerst laschen Kontrollen positiv auf Doping getesteten 1970er und 1980er Toursieger Felice Gimondi, Joop Zoetemelk und Pedro Delgado bis heute bester Gesundheit, ebenso wie etwa Miguel Induráin, der seine fünf Toursiege 1991 – 1995 schätzungsweise auch nicht allein auf Basis von Luft und Liebe errungen hat, sich 1996 aber dann dem bis Oberkante Unterlippe mit EPO abgefüllten Dänen Bjarne Riis geschlagen geben musste, welcher 1997 wiederum von Jan Ullrich abgehängt wurde, dem es, wie letzthin im Fernsehen zu sehen war, augenscheinlich gut geht in seiner Villa am Bodensee.
Die im Juni diesen Jahres diagnostizierte schwere Krankheit des 1983er & 1984er Siegers und nachweislichen Dopers Laurent Fignon (welcher übrigens vom jetzigen Tour-Gewissen Greg LeMond, siehe oben, 1989 besiegt wurde - mit 8 Sekunden Vorsprung im knappsten aller Tour-Finale) sei nach Aussage seiner Ärzte keine Folge von Doping und/oder extremen Leistungssport.
Doping ist also eine feine Sache:
Man gewinnt die großen Radrennen, wird reich dabei und lebt anschließend gemütlich in einem Haus am See, macht also den musikalischen Wunschtraum des Berliner Sängers Peter Fox für sich selbst wahr.
Dass dieses Spiel um Erfolg, Glück und Reichtum bis ins Jahr 2009 - und sicherlich weit darüberhinaus - gehen wird, konnte im Jahre 1924 der damals sehr bekannte französische Journalist Albert Londres wohl nicht ahnen, als er erstmals, über zwei Jahrzehnte nach der ersten Tour de France (1903), detailliert und engagiert über Dopingpraktiken berichtete.
Ansonsten hätte er sich ja den Artikel schenken und sagen können:
Macht, was ihr wollt, schluckt Pillen, setzt euch Spritzen!
Das fordere ich übrigens auch und erwarte mit Spannung den Tour-de-France-Sommer 2010, für den Lance Armstrong schon mal den Gesamtsieg angekündigt hat.
26.7.09 12:02
 
Letzte Einträge: Ein Stadtspaziergang im Mai, Paul Kalkbrenner, Jefferson Airplane & ein seltsamer Lüneburger Professor


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